Nach friedlicher Winterpause passierten dieser Tage minütlich neue Entsetzlichkeiten in der Kölner Kulturpolitik – fast wäre etwa die erfolgreichste Intendantin Deutschlands vor ihrer Zeit von der SPD ihres Amtes enthoben worden. Ein wahrhaft absurder Vorgang.
Ganz abgesehen davon, dass Politiker Karin Beier in Köln übel mitgespielt haben – dennoch ist ihr Abgang zum Hamburger Schauspielhaus auch ein Wortbruch und äußerst enttäuschend. Wem soll man eigentlich noch glauben können, wenn nicht Karin Beier, die mit ihrem persönlichen Wort dafür einstand, die Sanierung des Schauspielhauses zu begleiten?

Karin Beiers Verführung
Bei allem Verständnis für Karin Beiers Wut auf die Politiker der SPD und über die beschämenden Querelen um die Generalintendanz, hat Köln auch allen Grund, auf Karin Beier sauer zu sein. Ich sehe sie noch vor mir auf einem Podium vor einem Jahr, wie sie versprch, die Verlängerung des Interims in Köln von Anfang bis Ende mitzutragen, weil sie eine “moralische Verpflichtung” dazu empfinden würde, die Suppe, die sie der Stadt eingebrockt hat, auch auszulöffeln – immerhin die Verlängerung des Interims um ein Jahr. Nun ist sie wortbrüchig geworden und geht vor ihrer Zeit.
Das ist zutiefst enttäuscend, hatte man doch gerade bei ihr immer das Gefühl, gerade keine Karrieristin vor sich zu haben, sondern eine Frau, die auch jederzeit nach Irland zum Schafe züchten gehen könnte, die jeden Nachmittag das Theater verlässt, um mit ihrer Tochter zu spielen und der es einzig und allein auf Inhalte ankam. Sicher, die Kölner Kulturpolitik hat es ihr leichtgemacht. Aber die “Kürzungen”, die man ihr angeblich zugemutet habe und auf die Beier stets entrüstet verweist, sind letztlich nur ein minimaler Solidarbeitrag für die freie Szene und werden größtenteils von der Oper getragen.
Man hat sie aus der Stadt getrieben, heißt es, ihr den roten Teppich für den Abgang ausgerollt – so schrieb sie es selbst an ihre Mitarbeiter. Das hört sich aber auch an wie eine ganz gut zupass kommende Ausrede: Karin Beier hat ja wohl hinreichend bewiesen, dass sie klug und kämpferisch genug ist, es mit den Politikern dieser Stadt aufzunehmen. Ist es wirklich in Ordnung, der “Verführung” eines der größten Schauspielhäuser Deutschlands vor Vertragsablauf zu erliegen? Sie ist und bleibt eine selbstbestimmte Frau, die frei entscheiden kann, ob sie zu ihren Versprechungen steht, mitten in einer Baustelle, die sie definitiv mitverantwortet. (…)
Nach Jahren ist es endlich soweit: Theater ist wie Fußball! Da werden Leute mies ausgebotet, die schon auf dem Dach des Stadions standen, bereit herunterzuspringen und andere werden mit Millionen, ja, Millionen abgeworben. Die städtischen Kulturvereine konkurieren unter einander um die Stars und Torjäger, Theater oder Fußballer des Jahres, was soll´s noch…und überall wo ein kleines Machtvakuum gerissen wird, drängen die B-Promis der Theaterbetriebe aggressiv nach. Verträge gelten nur etwas, wenn die Tore, sprich der Erfolg stimmt und in Köln verunglimpft man auch schon mal eine Torjägerin, weil sie schon heute einen Anschlussvertrag hat, der unter widrigen Umständen zustande kam. Schlimmer geht´s in der freien Marktwirtschaft auch nicht zu.
Absender: 123
Typisch Kölner Wahnsinn und Schwachsinn. Anstatt dafür zu sorgen, daß es einen geordneten Übergang gibt, wird hier kleinlich und provinziell gehandelt. Es ist zu erwarten, daß Köln wieder in der Versenkung verschwindet, ist Frau Beier erstmal weg.
Warum bleibt nicht einfach Rita Thiele in köln und wird endlich verdientermaßen und ihren Fähigkeiten Rechnung tragend Intendantin?
Als die SPD noch eine tatsächliche Arbeiterpartei war, gehörte es übrigens zu ihren vornehmsten Aufgaben, ihre Anhänger mit Bussen ins Theater zu fahren, weil das Bewußtsein herrschte, dass Kultur eben nicht nur für’s Bürgertum ist. Heute versucht die SPD, die erfolgreichste Intendantin dieses Landes mit Blaulicht aus Köln hinauszufahren!
Anja Pe