Die Verleihung der Kölner Tanz- und Theaterpreise warf auch in diesem Jahr Fragen auf – Ein Kommentar – und zwei Antworten.
Muss es wirklich sein, dass zwei der hoch dotierten Kölner Theaterpreise – der Hauptpreis in Höhe von 10.400 Euro sowie der Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater – an eine und dieselbe Inszenierung verliehen werden, obwohl es so viele andere Stücke auch verdient hätten? Die Diskussion ist eröffnet. Lesen Sie den Artikel aus akT.19 und Kommentare dazu.
Theaterpreise: Doppelt hält besser?
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In einer Stadt, die ihre freie Szene zuweilen stiefmütterlich behandelt, ist die jährliche Theaterpreisverleihung in der SK Stiftung Kultur lokal ein ähnlich großes Ereignis wie die Oscarverleihung in Hollywood. Auch die Höhe der Preisgelder kann sich sehen lassen. Insgesamt 35.000 Euro wurden vergeben, ein Bruchteil davon kann einer freien Theatergruppe schon mal für mehrere Monate Arbeit und Leben ermöglichen.
Doch auch nach der Preisverleihung tauchen 2010 Fragen und Zweifel auf. Denn diesmal gab es zwei Doppelgewinner, die so richtig absahnten – und manche Produktion, die einen Preis verdient hatten, leer ausgingen ließ.
PARADIGMENWECHSEL IN KÖLN
Muss es wirklich sein, dass zwei hoch dotierte Preise – der Hauptpreis in Höhe von 10.400 Euro sowie der Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater – an eine und dieselbe Inszenierung verliehen werden? Gewiss, „Petersberg I“ von Futur3 ist eine bemerkenswerte Produktion. Der Israel-Palästina-Konflikt wird hier auf höchst persönliche und vielschichtige Weise verhandelt, nicht etwa im Theater, sondern im spektakulären Innenstadt-Hotel Pulmann mit grandiosem Blick auf Köln. Jeder Zuschauer wird an einen anderen Ort bestellt und von einem Schauspieler abgeholt, der ihn auf seine subjektive Seite ziehen will. Eine Friedensaktivistin bedrängt uns in einem Service-Gang, während geschäftig das Hotel-Personal weiterläuft. Eine Palästinenserin bestürmt uns in einem Hotelzimmer, eine schwangere Israelin und Kochbuch-Autorin in einer Tapas-Bar. Alle beschwören, manipulieren, verstören uns. So werden nicht nur der ewige Nahost-Konflikt, sondern ebenso die Manipulationen, die seit Jahrzehnten mit ihm betrieben werden, klug thematisiert – und gipfeln in einer imaginären, kläglich scheiternden Friedenskonferenz über den Dächern von Köln.
Und dennoch. Gerade in diesem Jahr war die Qualität der mitnominierten Arbeiten auffällig. In der Kölner Szene scheint es einen Paradigmenwechsel zu geben: aktuelle gesellschaftliche Vorgänge und neue ästhetische Formen werden immer stärker aufgegriffen. Schön wäre etwa gewesen, wenn der Überraschungserfolg der Spielzeit, „Der Vorgang Oury Jalloh“ vom tendenziell völlig ungeförderten nö-Theater (akT-Inszenierung Oktober) einen Preis bekommen hätte: eine beeindruckende Inszenierung, die anhand einer aktuellen Prozess-Aufnahme den alltäglichen Rassismus beleuchtet und noch tagelang nicht loslässt. Und wo war eigentlich die Nominierung von Philine Velhagens „Schatz im Niemandsland“ am Aachener Weiher, eine großartige Site-Specific-Arbeit (akT-Inszenierung September) – statt dessen hatte man das interessante, aber schauspielerisch deutlich schwächere „Seegang ins Ungewisse“ am Kalscheurer Weiher ausgewählt. Ein Problem des Sommerurlaubs?
DAS SCHWERERE STÜCK GEHT LEER AUS?
Einen anderen Einwand gibt es bei der Verleihung des Darstellerpreises und dem Kinder- und Jugendtheaterpreis. Muss es wirklich sein, dass „Ellis Biest“ doppelt ausgezeichnet wird? Ein zweifellos wunderbares Stück, Klaus Schweizer ist ein großartiger, uneitler, vielseitiger Hauptdarsteller, der seit 30 Jahren die Arbeit der Comedia prägt, die ohne ihn nicht das Theater wäre, das sie heute ist. Trotzdem: Viel Konfliktpotential und Reibungsfläche bietet „Ellis Biest“ nicht, auch wenn es zweifellos die Fantasie und Kreativität der kleinen Zuschauer stimuliert, poetischen Kitsch und Klischees gekonnt und sehr witzig vermeidet. Doch das mitnominierte Stück „Schwestern“ ist mindestens genauso gut inszeniert – und behandelt noch dazu in aufwühlender Weise äußerst schwierige Themen, die auch im Leben von Kindern eine Rolle spielen. Wie geht man mit Tod und Trauer um? Die Inszenierung von Rüdiger Pape hätte mehr Resonanz und Publikumszuspruch verdient. Ganz sicher ist „Schwestern“ das schwerere, umfassendere, tiefgründigere Stück – und insofern absolut preiswürdig.
Sicher, die einzelnen Jurys sind formal unabhängig voneinander. Aber es ist schwer vorstellbar, dass sie nicht von ihren Diskussionen wussten – immerhin sitzt der scheidende Juror Hans-Christoph Zimmermann etwa sowohl in der Theaterpreis- als auch in der Curt-Hackenberg-Preis-Jury. Wenn also die Kölner Theaterpreise auch als eine Art von Förderinstrument betrachtet werden sollen, wäre es sinnvoll, sie auch noch stärker als solche zu nutzen. Mit Doppel-Preisen schadet man letztlich doch der Vielfalt der Kölner Szene, die momentan im kreativen Aufwind scheint. Übrigens ällt noch eins auf – keiner der Nominierten oder Gewinner ist Mitglied der Theaterkonferenz, sondern der alle Nominierten sind Mitglied der Konkurrenz-Organisation plattform freier Theater e.v. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Dorothea Marcus
(wird in Zukunft ebenfalls Mitglied der Theaterpreisjury sein)
Leserbrief zum Artikel “Doppelt hält besser?”, akT.19
In der Ausgabe akt.19, Januar 2011 fragte die Chefredakteurin Dorothea Marcus in ihrem Artikel „Doppelt hält besser“ über die Verleihung der Kölner Tanz- und Theaterpreise 2010, ob durch eine bessere Absprache zwischen der Jury für den Theaterpreis und der für den Kurt-Hackenberg-Preis nicht hätte verhindert werden können, dass beide Preise an die Produktion „Petersberg 1“ von futur3 gingen, anstatt mit einem der beiden eine weitere Produktion der Freien Theaterszene zu fördern.
Seit der Konstituierung des Kurt-Hackenberg-Preises, dem Preis für politisches Theater in Köln, betreue ich die Jury.
Die Vergabe sowohl des Kölner Theaterpreises als auch des Kurt-Hackenberg-Preises an die Produktion „Petersberg 1“ hat mich sehr gefreut, zeigte dies doch gerade die Unabhängigkeit der beiden Jurys voneinander und, noch wichtiger, dass die Vergabekriterien beider Preise sich glücklicherweise an inhaltlichen und ästhetischen Punkten orientieren und eben nicht am einem (wenn auch gut gemeinten) Fördergedanken, der die Preise – und ihre Preisträger – nur entwerten würde.
Abgesehen davon, dass im weitesten Sinne natürlich jeder Preis eine direkte oder indirekte Förderung darstellt, darf die mangelnde öffentliche Förderung der freien und privaten Theater in Köln nicht dazu führen, dass die Geldsorgen einzelner Gruppen oder Theater an die Stelle inhaltlich begründeter Vergabekriterien treten.
Ein Preis ist ein Preis ist ein Preis…
Andrea Hoßfeld
Der Kommentar von Frau Marcus hat mich sehr überrascht, verrät er doch einerseits kein Verständnis für die Arbeit einer Jury und verlangt entsprechend andererseits, dass, durch Eingriffe von außen oder per gezielter Indiskretion die Arbeit einer Jury gesteuert werden müsse.
So stellt sich dennoch die Frage, warum eigentlich eine Jury? Oder, wer, der etwas auf sich und sein Urteil hält, wird in einer Jury mitarbeiten wollen?
Verstehe ich Frau Marcus richtig, können solche Doppelnennungen ja vermieden werden, wenn wir ihr Urteil abfragen und zur Grundlage der Preisvergabe machen. Die Freie Volksbühne ist aus Protest gegen die staatliche Steuerung von Kulturpolitik entstanden. Dies war und ist in den 90 Jahren unseres Bestehens immer auch unsere Verpflichtung geblieben. Wenn wir eine Jury zur Vergabe des Kurt- Hackenberg-Preises für Politisches Theater bilden, dann ist sowohl im Hinblick auf die Leistung des Namensgebers wie in Berücksichtigung unserer Tradition und mit Respekt gegenüber der Jury selbstverständlich, dass letztere autonom, demokratisch frei entscheiden darf, muss.
Franz Irsfeld
Vors. Freie Volksbühne Köln e.V.