Guten Tag!
PROLOG: Die AKT ist toll, ich lese sie seit ihrer ersten Auflage. In Ihrem Artikel in der akt.16 vom Oktober auf Seite 05 “VOR DEM ENDE?” haben Sie en passant die GRUPPE KATHARSIS mit “ENDREINIGUNG” erwähnt.
Als von Ihnen “clever” genannter Moderator fühle ich mich einerseits natürlich gebauchpinselt, war aber als Co-Macher, Mensch und Künstler dieses Projektes mehrfach irritiert: Wieso haben wir keine fundierte Kritk bekommen? Warum fungieren wir als Beispiel für eine gescheiterte Produktion in einem sterbenden Theater? Wieso weist ENDREINIGUNG Ihrer Auffassung nach keinen inneren oder theatralischen Zusammenhang auf?
Wieso wird ein Theaterleiter zitiert, womit sich der Eindruck vollends erhärtet, dass auch der Chef des Theaters nicht hinter den von ihm ins Haus geholten Künstlern steht und sich in Floskeln wie “scheitern muss erlaubt sein” flüchtet?
Ihre beiläufige Negativ-Erwähnung unseres Projektes ist bedauernswerter Weise unsere erste Presse. Nun ist es besonders schwer, einen unvoreingenommenen Blick eines Kritikers zu erwarten. Wir sind mit diesem Konzert-Projekt nicht gefördert, haben es selber nach neun Monaten Vorbereitung gestemmt und möchten es weiterhin spielen und optimieren.
Wir sind lange in Köln tätige und lebende Künstler, die mit anderen Projekten von Theaterhaus bis WDR, Senftöpfchen bis Stadttheater das kulturelle Angebot dieser Stadt mitgestalten. Wir sind um ernsthafte Auseinandersetzung bemüht und wünschen diese auch von Ihnen.
Die gesamte Musikauswahl ist fokussiert auf eine stilistische Gegenüberstellung von Barock, Spätromatik und kleinen Popausflügen. Inhaltliche Hauptmotive sind TOD, Verwandlung, Ohnmacht, Verlust, Erwartung. Inhaltliche Bezüge sind intendiert und nachweisbar (auch am Zuschauerfeedback). Den inneren oder theatralen Zusammenhang sprechen Sie leider dem Projekt ab. Das steht im Widerspruch zu Meinungen von Regisseuren und Dramaturgen, die diesen Abend gesehen und gehört haben. Wenn man es nicht auf eine Geschmacks-Debatte reduzieren möchte, dann wäre es für uns sehr hilfreich auch ein negativ-wertendes Urteil auf seine formalen und ästhetisch-kritischen Gedanken befragen zu können. Dazu gibt die sehr kurze Erwähnung in dem Artikel über das Artheater aber keine Grundlage (und sollte es wohl auch nicht). Das ist schade!
Guido Preuß
www.gruppekatharsis.de,
nächste Termine: “Endreinigung” im artheater, 13. / 14. Januar 2011

Lieber Herr Preuß,
Eigentlich hatte ich vor, eine Kritik über Ihr Projekt zu schreiben. Nachdem ich Ihren Abend aber gesehen hatte, kam er mir tatsächlich eher wie eine Aneinanderreihung von (wunderschönen) Stücken Musik vor, mit (spektakulären) Videodekorationen. Ich habe tatsächlich einen theatralischen Zusammenhang vermisst und hatte den Eindruck, es hier nicht mit einem Stück Theater, auch nicht mit einem Stück Musiktheater zu tun zu haben, sondern mit einem (zweifellos außergewöhnlich gut gemachten) Konzert, mit visuellen und darstellerischen Elementen. Das aber fällt aus dem Zuständigkeitsbereich der akT. Wir schreiben nicht über Konzerte. Ich hätte allerdings trotzdem darüber geschrieben, wenn nicht der Platzmangel in der Novemberausgabe so eklatant gewesen wäre.
Warum ich finde, dass der theatralische Zusammenhang fehlt? Ich fand etwa eine Szene anfangs sehr vielversprechend: Sie als Moderator baten einen Zuschauer auf das Sofa. Eine spannende Idee. Aber anstatt wirklich daran interessiert zu sein, was er Ihnen erzählen könnte (Sie fragten ihn glaube ich nach seinen tiefsten Wünschen), benutzten Sie seine etwas
unsichere Antwort (es war ja auch eine gewaltige, tiefgehende Frage) als
schlichte Überleitung zu dem Titel “Für mich soll es rote Rosen regnen”. Das ist für mich verschenktes Theaterpotential. Und das habe ich Ihrem Abend übel genommen. Haben Sie sich schon damit beschäftigt, wie man die
Mitwirkung von Laien für die Bühne nutzen kann, etwas, was in der
bundesdeutschen freien Szene ja gerade massiv geschieht? Mit der Unsicherheit dieses Menschen umzugehen, mit der plötzlichen Konfrontation von unerwarteter Öffentlichkeit mit seiner Privatheit (bei aller Wahrung des Respekts etc.)? Sie haben ihm ja noch nicht einmal Zeit zum Nachdenken gelassen. Dann hätten Sie ihn auch im Publikum sitzen lassen können. Diese Szene tat tief und vielversprechend und wurde dann so banal. Und dieses Gefühl ist immer mal wiedergekehrt. Ich habe nicht erkannt, welches Ziel Sie mit dem Abend hatten, welche These Sie vertraten, welches Anliegen, wo er mich berühren sollte, wo die Geschichte passierte. Und daher fehlte für mich klar der theatralische Zusammenhang.
Ich habe “Endreinigung” nicht als Beispiel eines Scheitern darstellen wollen, sondern unterstreichen, dass das Artheater überleben muss, weil es ist wichtig ist, dass es in Köln Räume gibt, in denen Theaterexperimente stattfinden – und auch scheitern können. Der Satz “scheitern muss erlaubt
sein” ist für mich keine Floskel, tut mir leid, wenn es so gewirkt hat.
Herzliche Grüße von
Dorothea Marcus