Leserbrief zum Runden Tisch vom 1. September 2010
Bilder sprechen Bände: ein Runder Tisch, der eckig ist. Genau so eckig, wie dieser Runde Tisch zu Köln verläuft der Planungsprozess in Sachen Offenbachquartier, zumindest für die Sparte „Tanz“. Der Kuchen war bereits verteilt, noch ehe die Vertreter der Bühnensparte „Tanz“ am Runden Tisch Platz nehmen konnten. Die Opern- und Schauspielhausintendanten, die Verwaltung und die Initiative „Mut zu Kultur“ hatten sich bereits darüber verständigt, dass in der 250 – 300 Millionen-Euro-Sanierung dem Tanz das Eckchen zugewiesen wird, das den Vorstellungen des Architekten Riphahn im Jahre 1957 entsprach: 277 qm in einem Labyrinth von mehr als 50.000 qm Nettofläche!
Den federführenden Architekten Daberto soll es recht sein. Sie meinen, sie hätten ihren Auftrag „Raumdefizite zu beseitigen“ und „zukunftsfähige Lösungen“ zu gestalten, vorzüglich erfüllt. Unisono lassen sie sich von Verwaltung, Intendanten und Initiative applaudieren. Sicherlich hat keiner dieser Damen und Herren in der Machbarkeitsstudie nachgelesen um festzustellen, dass nach Architektenplan jeder der avisierten 25 Tänzer zwei (!) qm Platz in seiner Gemeinschafts-Umkleide hat. Immerhin können sie sich im 144 qm großen Tanzsaal auf sechs qm voll austanzen - wenn kein Klavier im Raum steht. Eine Expertise der Tanzfachleute wurde weder eingeholt noch gewünscht!
Da diese Sanierung nach den Worten Herrn Dabertos für die nächsten drei bis fünf Dekaden die Arbeitsbedingungen des Hauses festzurrt, wäre mit der Zustimmung zu diesem Sanierungsplanung der Tanz als dritte Sparte an den Bühnen der Stadt Köln abgeschafft!
Dr. Bach vom Kölner Kulturrat forderte das Architekturbüro auf, der Wirklichkeit seiner eigenen Planung genüge zu tun und den Satz „Ballett als kleine Compagnie von 25 Tänzern möglich“ ersatzlos zu streichen. Dem schließe ich mich an.
Damit wird dem politischen Auftrag vom 13. April 2010 bei der Sanierung von Oper und Schauspielhaus die dritte Sparte „Tanz“ angemessen zu berücksichtigen nicht entsprochen. Zudem wurde der Auftrag des Rates „Vertreter des Tanzes am Planungsprozess zu beteiligen“ nicht umgesetzt.
Die Machbarkeitsstudie muss dahingehend erweitert werden, dem Tanz eine zukunftsfähige Lösung der Raumsituation im Gesamtensemble zu zuweisen. Alles andere entspricht nicht den Ratsbeschlüssen!
Kajo Nelles Köln, den 6. September 2010
Geschäftsführer
nrw landesbuero tanz

DER TANZ BRAUCHT EIN EIGENES HAUS IN KÖLN!
-Leserbrief zum Runden Tisch vom 1.September und zum Leserbrief von Kajo Nelles -
Das Fazit des Runden Tisches vom 1.September 2010 ist beschämend für die Stadt Köln und die Verantwortlichen dieses Prozesses (einschliesslich der Intendanten von Oper und Schauspiel), hier kann ich mich der Beurteilung von Kajo Nelles nur anschließen.
Dieses Fazit kommt aber nicht überraschend, sondern liegt bereits in der Anlage der Diskussion begründet und in den langjährigen Versäumnissen und Mängeln in dieser Stadt bezüglich der Kunstform Tanz, die dazu geführt haben, dass kein Tanzindendant den beiden Intendanten aus Oper und Schauspiel auf Augenhöhe gegenüber sitzen konnte, um die Interessen für seine “Sparte” einzufordern.
Ende August hatte ich bereits die Ankündigung des Runden Tisches durch “Mut zur Kultur” deutlich und öffentlich kommentiert:
“Wann endlich wird der Tanz in all diesen Diskussionen nicht mehr außen vor gelassen werden? Jeder dieser Teilaspekte, der den Tanz und einen Ort für diese Kunst in diesem “Ensemble” (Anm.: Sanierung …) verschweigt, ist bereits ein enormer kultureller Verlust.
Hier wird übersehen, dass der Tanz noch vor 30 Jahren die künstlerische und kulturelle Reputation der Stadt Köln darstellte, und zwar ziemlich allein auf weiter Flur, wenn ich dies als “Zugereister” so sagen darf.
Die “Welt” hat damals die Stadt weder für ihr Schauspiel noch für ihre Oper beneidet, sondern für ihre Tanzinfrastruktur, die große Kunst hervorgebracht hatte.
Hierbei (die “Welt”) sind nicht (in erster Linie) allein die (Feuilletonisten) gemeint, die darüber berichteten, sondern vor allem die Tanzkünstler aus aller WELT, die in diese Stadt gepilgert sind, und die vielen Menschen, die dort zeitgenössischen Tanz sehen wollten und sehen konnten.
Daran anzuknüpfen, gilt es JETZT! Zusammen und im Verbund mit den beiden anderen Sparten!”
Hierauf hatte Jörg Jung von “Mut zur Kultur” dankenswerter Weise ebenso öffentlich wie prompt dargelegt:
“Der Tanz spielt in dem ganzen Prozess eine große Rolle. Dank der Sanierung ist er auch wieder Teil der Planung. Die in der Machbarkeitsstudie entwickelten Konzepte halten Räumlichkeiten für ein 25-köpfiges Tanzensemble bereit. Damit ist der Status des früheren Dreispartenhauses erfüllt.
Das reicht aber nicht für ein zukunftsfähiges Tanzkonzept und kann nur ein Teil des Ganzen sein. Wir stehen in intensivem Kontakt mit dem Landesbüro Tanz, um ein tragfähigeres Konzept zu entwickeln. Kerngedanke ist die Idee eines eigenen “Hauses des Tanzes” in direkter Nähe des Bühnenensembles. (…)
Jede Unterstützung ist hier erwünscht. Die Stadt und das Land stehen beim Tanz im Wort. Wir haben jetzt die Chance, etwas Zukunftweisendes in Gang zu setzen. Die aktuelle hysterische Diskussion stört allerdings. Hoffen wir, dass hier bald Ruhe einkehrt.
Liebe Grüße,
Jörg Jung (Sprecher Mut zu Kultur)”
Ob alle Beteiligten (auch “Mut zur Kultur”) interessieren wird, dass sie “im Wort stehen”? – Hier gilt es nicht nur zu hoffen, sondern einzufordern!
Die Zukunftsforschung ist sich selten einig: kommunikative, kreative und innovative Kompetenz sind die Zukunftsfelder unserer Gesellschaft, um sich global behaupten zu können.
Keine andere Kunstform repräsentiert und erfüllt in so hohem Maße diese Anforderungen der nahen Zukunft wie der Tanz.
Für seine eigene Zukunft in dieser Stadt, muss er sich seine GEGENWART, seine Präsenz, noch erobern, und zwar JETZT!.
Und er muss mit der Intelligenz und der Unterstützung derer rechnen können, für die die Zukunft nicht einfach nur das ist, was gerade noch fehlt…
Klaus Dilger
-my lovely white dog –
und “artconcepts”