Eine Chance – Fazit über drei Monate Kölner Tanzhaus

Am 9. Juni ging er zu Ende, der erste konkrete Versuch, in Köln ein Tanzhaus zu schaffen: 3000 Besucher kamen in den knapp drei Monaten nach Mülheim, für 31 Spieltage hatte die Fabrikhalle in der Schanzenstraße für Tanz und seine Grenzformen geöffnet. Hat sich das gelohnt? Oder war es herausgeworfenes Geld? Was für Erkenntnisse und Visionen gibt es im Hinblick auf die Zukunft eines Kölner Tanzhauses?

2 Kommentare

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2 Antworten zu Eine Chance – Fazit über drei Monate Kölner Tanzhaus

  1. theaterzeitungakt

    Zwei Uraufführungen gab es, zehn Premieren insgesamt, 102 Künstler traten auf, es gab viermal in der Woche Profitraining und Workshops. Fünf neue “Formate” für die kommunikative Öffnung der Kunstform Tanz wurden entwickelt. Zum Beispiel die Suppenküche: jeden Sonntag diskutierten Leute aus der Tanzszene und Interessierte über ein kulturpolitisches Thema, die Suppe kochten die Vortragenden. Jedes Mal kamen 20 bis 60 Besucher, so Kolacek, die mit Marc Leßle „raum 13“ bildet und vom Kulturamt den Zuschlag für die Gestaltung der Interimszeit bekam. Und ordentlich Geld: zweimal 80.000 Euro, jeweils von Stadt und Land.

    Ein Zuschuss, der vehemente Proteste auslöste – und wohl auch dazu führte, dass sich eine Gruppe führender freier Choreografen in Köln vom Tanzhaus Interim distanzierten. Äußerst schade, findet etwa Kulturamtsleiter Konrad Schmidt-Werthern, dass sich die Szene so zerstritten hat – gerade in Anbetracht der bedrohlichen Lage der freien Szene. Man kann nur hoffen, dass der Streit nicht die Entscheidung gegen ein Tanzhaus beeinflussen wird. Die Haushaltsberatungen im September werden dafür entscheidend sein. Zum Glück sitzen die Beteiligten mittlerweile wieder mit dem Kulturamt in einem „Lenkungskreis“ und überlegen, wie es mit dem Tanzhaus weitergeht (siehe Seite x).
    Spannend waren die drei Monate auf jeden Fall, jede der gefühlten Weltreisen nach Mülheim lohnte sich: Etwa die Reihe „Zeitzeugen“, in denen in Köln lebende Choreografen mit Hilfe von Videoausschnitten des Kölner Tanzarchivs historische Rückblicke auf legendäre Tänzer warfen. Oder die Idee von raum13, das Interim mit Hilfe eines Community-Dance-Wochenendes zu eröffnen, um sich das Publikum für die nächsten drei Monate heranzuholen. Leider verwechselten viele wohl auch das folgende Programm mit Laientanz, womit es jedoch gar nichts tun hatte. So richtig ging die Anfangsidee auch nicht auf – in WM-Zeiten bei lauen Sommerabenden blieben die Besuchermassen zuweilen aus.
    Bisher in Köln so nicht dagewesen ist “absolute beginners”, eine Plattform junger Choreografen, die sich nach einem zehntätigen Austausch mit Profis auf der Bühne beweisen konnten. 40 bis 50 Bewerber gab es für nur zehn Plätze. Später konnten sie sich mit 13minütigen Beiträgen dem Wettbewerb stellen – das Preisgeld von 1500 Euro stifteten Kölner Bürger. Neu war auch die Profitanz für Menschen ab 60 und die Tatsache, dass in Köln auf einmal ehemalige Kresnik-Tänzer aus Bonn wirkten – das Tanzhaus also Potential hat, die Szene also um spannende Neuzugänge zu bereichern. Ganz zu schweigen von der Halle selbst, die sehr wandlungsfähig ist: von intimer Guckkastensituation bis zum raumgreifenden Rundumbühne. Technisch recht gut ausgerüstet war sie in dieser Zeit, , und das für wenig Geld. Genauso viel wie an Zuschüssen floss, haben Firmen und Sponsoren nochmals an geldwerten Sachleistungen gespendet, so Marc Leßle: vom Lichtpult über Videobeamer bis zu Lichtsystemen. Das alles wird zur Zeit gerade wieder entfernt.
    Neben grandiosen Tanzabenden wie „So Lonely“ (siehe akT.14) gab es auch zwei extra für den Ort kreierte Uraufführungen: Ruben Reniers tänzerische Mülheim-Recherche. Oder die „Verschwörungspraktiker“: eine Zusammenarbeit von (Theater)regisseur Daniel Schüssler mit der ehemaligen Kresnik-Tänzerin Yoshiko Waki, die sich gerade in Köln angesiedelt hat. Zugrunde liegt eine authentische Situation: ein Abend beim (damaligen) Präsident Horst Köhler, bei der sie von ihrem Honorar die Sachbeschädigung bezahlen musste, die im Rahmen der Kunst passierte. Jeder auf der Bühne erzählt eine Situation aus dem Berufsalltag eines szenischen Künstlers, demütigende Castings, Geldjobs, dazwischen gibt es hinreißende Tanzeinlagen von professionellen Tänzern mit Schauspielern, die ironisch mit ihren Unperfektheiten spielen. Selbst Anja Kolaceks Mutter ist dabei: ein schräger Abend an der Grenze zum Beliebigen, nur teilweise gelungen. Aber schön, das es so ein Experimentierfeld etwas geben kann.
    Wie wird es weitergehen? Natürlich müsste ein “echtes” Tanzhaus mehr regelmäßiges Publikum nach Mülheim holen. Natürlich müsste es Kooperationen geben, Gastspiele aus dem Ausland, noch mehr Vernetzungsmöglichkeiten. Aber all das braucht mehr Zeit. Doch die drei Monate haben gezeigt, dass das Potential für einen spannenden Tanzort in jedem Fall vorhanden ist. Gegenwärtig untersuchen Architekten, wie teuer das Tanzhaus wird – die Zahlen sollen bei der nächsten Kulturausschuss am 7. September vorgestellt werden.
    Sie dürften sich ungefähr in der Größenordnung bewegen, die im Kulturentwicklungsplan genannt sind: 2-3 Mio. Euro für den Ausbau, 500.000 Euro für die technische Ausstattung, ca. 1 Mio für den Betrieb.
    Es wird also vermutlich nicht teurer als einmal gedacht. Es wäre für Köln eine einmalige Chance, den einmal beschrittenen Weg weiterzugehen und nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben. Kolacek und Leßle haben in den drei Monaten Impulse gesetzt, auch wenn damit über die wahre Gestalt des Kölner Tanzhauses nicht viel ausgesagt ist. Aber hätte man die für viel Geld gemieteten Hallen etwa leer stehen lassen sollen? Hauptsache Energien freimachen, Räume für Kunst nutzen – und das ist Raum13 gelungen.

  2. Klaus Dilger

    ZU IHREM KOMMENTAR: EINE CHANCE – FAZIT ÜBER DREI MONATE KÖLNER TANZHAUS

    So sehr ich die „Theaterzeitung Akt“ schätze, als eine von viel zu wenigen Stimmen, die über Kunst und insbesondere die Darstellende berichten in dieser Stadt, bedarf dieser Artikel doch einiger Richtigstellungen, die auch ein Jahr nach dieser Machbarkeitsstudie für ein „Tanzhaus Köln“ noch immer Aktualität besitzen, weil sich Dinge in dieser Stadt gerne zu wiederholen scheinen, auch wider besseres Wissen, und weil das Prinzip der „verbrannten Erde“ nicht taugen kann, um den Tanz in dieser Stadt voran zu bringen und schon gar nicht für dessen Nachwuchskünstler.

    Diese Richtigstellung soll sachlich geschehen, aus der Sicht eines Künstlers, der langjährige Erfahrung mit grossen und internationalen Zentren für Tanz und Choreographie sammeln durfte, darunter auch internationale Machbarkeitsstudien für die Entwicklung solcher Zentren und der an diesem Projekt persönlich beteiligt war.

    Ich teile Ihre Einschätzung: die drei Monate Machbarkeitsstudie für ein „Tanzhaus Köln“ waren unter verschiedenen Aspekten interessant. Fast jede der Aufführungen war spannend und sehenswert und hätte weit mehr, als das (leider nur) behauptete Publikum verdient gehabt und sicherlich weit Besseres, als die Dienstleistungen, die im Bereich der Probensituation und der Technik den Künstlern in diesen Hallen zur Verfügung gestellt wurden.
    Hierbei ist nicht das zur Verfügung gestellte Material zu bemängeln, sondern die überfordert wirkende Leitung des Hauses, die zu keiner Zeit gewillt oder befähigt erschien, die professionellen Mindestansprüche der beteiligten Künstler zu erfüllen.
    Doch auch dies ist ein Lernprozess. Wenn eine bis dahin nur lokal agierende Gruppe plötzlich die Verantwortung in allen Bereichen übernehmen soll und diese vom Kölner Kulturamt übertragen bekommt, wird sie so plötzlich mit professionellen Ansprüchen und internationalen Standarts konfrontiert die nicht die ihren sind, dass dies in der Regel nicht funktionieren kann und so für unnötige Defizite sorgt.
    ALLES WAS TANZT
    Trotz enormen publizitären Aufwands gelang es nicht, die Kölner für diesen Ort in Mühlheim zu mobilisieren. Hieran änderte auch die Zweitauflage von „Alles was tanzt“ nichts und die Scharen von tanzbegeisterten Amateuren die allesamt auf die Bühnen durften, um sich von ihren Familien und Freunden feiern zu lassen. Es wurde kein neues Tanzpublikum für die folgenden professionellen Aufführungen generiert. Ursächlich hierfür könnten einerseits die fehlende oder sehr mangelhafte Inszenierung dieser als Kult – Event angekündigten Veranstaltung sein (die einzige in diesem Rahmen unter der „künstlerischen Leitung“ von raum13), die in ihrer zweiten Edition schon sehr abgelebt wirkte, der Ort selbst, der sich in der Folge unbrauchbar für ein ein ernst zu nehmendes Tanzhaus entpuppte, oder aber auch das Fehlen der meisten professionellen Tanzschaffenden der Stadt, die es vorzogen, nicht mehr mit Kolacek/Leßle zu kooperieren.
    ZUSCHUSS
    In Ihrem Artikel stellen Sie dar, dass diese Ablehnung einer Kooperation mit raum13 dem „überraschenden“ Geldfluss in Höhe von insgesamt 160.000,00 Euro an die Kolacek/Leßle GbR von Seiten der Stadt und des Landes geschuldet sei und erwecken somit den Eindruck einer sich neidenden und daher zerstrittenen Tanzszene.
    Diese Darstellung ist falsch!
    Zum Zeitpunkt der Gestaltung des Programms für eine Neun-Wochen-Spielzeit wusste keiner der beteiligten Künstler, ob es hierfür Geld geben würde oder nicht – dies war uns auch nicht wichtig, denn wir wollten einfach etwas bewegen für den Tanz in Köln.
    Die sich nicht beteiligenden Künstler hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Entscheidung bereits aus anderen Gründen getroffen, die mir damals noch nicht bekannt waren und die diese in der Folge weder glücklich gewählt in der Form, noch zunächst hinreichend präzise benennend was den Adressaten ihres Protestes betrifft (nämlich das Kulturamt) vorgetragen haben.
    Ob raum13 bereits im Vorfeld Kenntnis über die Möglichkeit einer Bezuschussung hatte (zumindest seitens der Stadt), darüber gibt es keine gesicherte Erkenntnis, auch wenn es hierfür Indizien gibt. Die Offenheit und Transparenz in diesem Projekt wurde den beteiligten „Partnern“ trotz Forderung versagt.
    Legt man die Intention des Landeszuschusses NRW in Höhe von 80.000€ zu Grunde, nämlich den Künstlern angemessene Gagen zu bezahlen, so bleibt festzuhalten, dass nur ein geringer Teil der Mittel für diesen Zweck verwendet wurde, was entweder vom Kulturamt und Land nicht geprüft oder stillschweigend hingenommen wurde.
    NEUE FORMATE – NACHWUCHS
    Wenn die zitierten Formate, die in der Machbarkeitsstudie für ein Tanzhaus Köln stattgefunden haben, tatsächlich als NEU empfunden wurden in Köln, dann zeigt dies nur, wie sehr diese Stadt, zumindest in der Wahrnehmung der Presse, vom Tanzgeschehen in Europa und der Welt in den letzten Jahren abgekoppelt ist und war. Doch nicht einmal so ist zu verstehen, weshalb Sie in Ihrem Artikel die genannten Zahlen nicht hinterfragen:
    Vor dem realen Hintergrund der Tanzwelt in Europa, wäre es wundersam gewesen, wenn die von Ihnen angeführten Zahlen auch nur annähernd richtig hätten sein können. Schon allein die Tatsache, dass Sie bei einer abgeschlossenen, in der Vergangenheit liegenden Veranstaltung, bei der sich also die tatsächlichen Bewerbungen exakt benennen lassen müssten, von 40 – 50 Bewerbungen sprechen, muss verwundern. Es gab in der Realität gerade soviel Bewerbungen, dass vier (nicht zehn!!!) junge Choreographen gecoached werden konnten.
    Diese konnten aus fünf zur Verfügung stehenden Coaches auswählen, darunter auch Kolacek und Leßle. KEINER der jungen Choreographen wollte von den Beiden betreut werden, weshalb im Programmheft zu dieser Veranstaltung auch nicht genannt werden durfte, welche erfahrenen Choreographen den Nachwuchs denn tatsächlich jeweils betreut hatten.
    U 30 WETTBEWERB
    Das „Format“ des Choreographenwettbewerbs „U 30“, hatte ursprünglich nichts mit dem Coaching Projekt gemeinsam, wie aus Ihrem Artikel zu entnehmen sein könnte, oder wie Sie Glauben gemacht wurden. Das auf raum13 zugeschnittene Format: (nur eine Lichtstimmung), genau 13 Minuten vertanzt, erbrachte folgende „internationale“ Resonanz:
    zwei Anmeldungen!
    Damit dieses „Format“ überhaupt stattfinden konnte, wurden die Beteiligten des „Coaching Projektes“, sowie die professionelleren Teilnehmer von „Alles was tanzt“ inständig gebeten, an dem Wettbewerb teilzunehmen, um sechs Stücke zeigen zu können.
    Dass beide Veranstaltungen für junge Choreographen dennoch sehenswert waren, ist auf das Talent der Choreographen, der Tänzer, der Coaches und letztlich GLÜCK zurückzuführen.
    RAUM – TECHNIK – SPONSORING
    Die von Ihnen zitierte Wandlungsfähigkeit der Räumlichkeiten in der Schanzenstrasse in Mühlheim, ist falsch: alle Möglichkeiten der Flexibilität nach den jeweiligen künstlerischen Bedürfnissen und der Ermöglichung von echten Experimenten wurden von Leßle, raum13, ohne Not durch den Einbau eines unbeweglichen Bühnenklotzes in der grossen Halle zertrümmert. Nicht nur hier zeigte sich das Team Kolacek/Leßle völlig beratungsresistent gegenüber den beteiligten Künstlern und den Anforderungen von Kunst.

    Die vorhandene Technik war rudimentär aber ausreichend, doch wurde sie teilweise dilettantisch und unbeweglich eingesetzt. Geldwerte Sachspenden, wie von Ihnen beschrieben, in Höhe von 160.000€, die laut Leßle zusätzlich zu den Mitteln aus öffentlicher Hand geflossen sein sollen, wären in Form von technischem Material für die Tanzszene hochwillkommen, sind aber leider unwahr und nur eine Behauptung ohne Substanz.
    FAZIT: „DER KÖNIG HAT GELADEN….“
    Kolacek/Leßle verstehen es immer wieder mit der Behauptung, etwas für den Tanz in Köln bewegen zu wollen, fähige Menschen vorübergehend für ihre eigenen Zwecke einzuspannen. Dass diese Menschen sich schon bald nach den ersten Erfahrungen mit raum13 offensichtlich mehrheitlich benutzt fühlen, lässt sich graduell an der Zahl derer ablesen, die nach solchen Erfahrungen noch bereit sind mit den Beiden zusammen zu arbeiten.
    Diese Zahl tendiert gegen Null, nimmt man die Protagonisten des Kulturamtes einmal aus, wie ein Vergleich zwischen Tanzhausprojekt und deren neuem Projekt in Deutz eindringlich belegt.
    Zwischenzeitlich erfolgen stets Provokationen von raum13 an die Tanzszene, etwa indem der Begriff „Tanzhaus Köln“ weiterhin als Webadresse missbraucht und damit für den Tanz in Köln unbrauchbar wird, oder in sozialen Netzwerken rücksichtslos copyrights an Bildmaterial missbraucht wird und aus „Tanzhaus Köln Interim“ provokativ das „interim“ entfernt wird, oder Tanzschaffende mit für sie horrenden „Strafzöllen“ belegt werden, wenn sie ihr Profil aus deren „alleswastanzt“ website entfernen lassen wollen, es sei denn, sie schalten einen Rechtsanwalt ein.
    All dies hat Methode, und es bleibt nur zu hoffen, dass bald auch die Politik begreift, dass hier offensichtlich eine Gruppe Interesse daran hat, die Kölner Tanzszene zerstritten erscheinen zu lassen, um so zu tun, als sei sie die „machende“ Gruppe, die zunächst scheinbar ohne Geld und unbeeindruckt viel bewegt, während die anderen dann angeblich neidisch reagieren, Diese Farce ist leicht durchschaubar.
    Stattdessen stellt die Tanzszene mit ihrem „Tanz-Entwicklungsplan Köln“ eindrücklich unter Beweis, dass sie sich einig ist und im Gegensatz zu solchen Täuschungen sehr wohl in der Lage ist, nachhaltig den Tanz in dieser Stadt zu gestalten.
    Leßle/Kolacek ficht eine solche Wirklichkeit nicht an. Auf die Forderung der beteiligten „Partner“ der Machbarkeitsstudie „Tanzhaus Köln“ nach Transparenz hat sich Leßle stellvertretend mit den Worten von der Wirklichkeit verabschiedet:
    „Der König hat geladen, – das Volk kann gehen! – Schert Euch weg, Ihr Dreck“

    gez.
    Klaus Dilger

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