Behindertenraten und Schwulenouting – Uraufführungen mit Randgruppen

Darf man das, plakatives Randgruppentheater zum Inhalt eines Festivals erheben? Immer setzt man sich doch dabei dem Vorwurf aus, mit moralischem Zeigefinger zu agieren – und dabei Randgruppen auszustellen. Und damit auch zu bestätigen, dass sie überhaupt welche sind. Das Kölner Sommerblutfestival hat diese schwierige Gratwanderung  im Mai gleich zweimal gewagt: Das schwul-lesbische Ensemble “Gold und Eden”  zeigt in “Lichtschattengewächse” die Gefühle älterer Homosexueller, in “Menschen! Formen!” stehen geistig behinderte Schauspieler mit “normalen” auf die Bühne. Lesen Sie hier die Kritik aus akT.14 – und Leserkommentare.

3 Kommentare

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3 Antworten zu Behindertenraten und Schwulenouting – Uraufführungen mit Randgruppen

  1. theaterzeitungakt

    Sehr geehrte Frau Marcus,
    herzlichen Dank für den Artikel zu “menschen!formen!” im AKT Juni 2010. Hat sich da der Schreibfehlerteufel (oder Flüchtigkeit) eingeschlichen? Meinten Sie vielleicht: gedacht statt gemacht? Wenn es intelligent gemacht war und trotzdem nicht gelungen……. Muss es dumm gemacht sein, damit Mann/Frau es gelungen nennen kann?
    Aber vielleicht waren Sie, wie viele ZuschauerInnen einfach zu verwirrt nach dem Stück, was uns natürlich wahnsinnig freuen würde, weil das war ja auch der Sinn der Sache. Bitte klären Sie die Besucher, Leser und uns auf!

    Michael Elber, Regisseur und Rolf Emmerich, Produzent

    • theaterzeitungakt

      Sehr geehrter Herr Elber und Herr Emmerich,
      danke für Ihre aufmerksame Lektüre. In der Tat hieß der Satz zunächst “intelligent gedacht”. Dies stand zuvor auch so da. Und das entspricht auch nach wie vor genau meiner Meinung über diese Uraufführung: sie ist sehr intelligent gedacht, in der Ausführung haperte es meiner Ansicht nach aber an einigen Stellen. Wie nun aus dem d ein m werden konnte, kann ich momentan leider nicht mehr nachvollziehen – ich vermute, das ist nach mehrmaligen Redigiervorgängen einfach durchgerutscht. Aber auch die Ausführung einer Zeitung bzw. eines Artikels ist eben manchmal unperfekt… Viele Grüße von Dorothea Marcus

      • theaterzeitungakt

        Behindertenraten und Schwulenouting

        Sommerblutfestival: Uraufführungen mit Randgruppen im Freien Werkstatt Theater

        Es ist die zweite Produktion für das lesbisch-schwule Ensemble Gold und Eden: schon im letzten Jahr realisierte Regisseurin Charlott Dahmen ein Theaterprojekt für das Sommerblutfestival. In „Lichtschattengewächse“ geht es wieder um Gedanken und Gefühle älterer Homosexueller – die 14 Ensemblemitglieder sind zwischen 39 und 70. Beginn des collagenartigen Abends ist die Beerdigung von Gerd, der über 30 Jahre heimlich mit Pierre zusammen war, die Trauerfeier wird zum Coming Out. Was passiert, wenn man sich nicht traut, der Welt zu sagen, dass man homosexuell ist? Dahmens biografisches Theater bringt Persönliches auf die Bühne: verdeckte Leben, versteckte Liebe, Alibi-Ehefrauen oder der Gang ins Kloster. Sich heute (zumal in Köln) zu outen scheint nicht schwierig zu sein. In den 60ern hatte man dagegen noch Angst vor dem Gefängnis, vor der „Rosa Kartei“: Mit Diaprojektor (der in Beamerzeiten etwas altmodisch anmutet) und selbst erarbeiteten (Gesangs-)Szenen erzählen sie – das laienhafte Spiel verdeckt an vielen Stellen aber leider die Authentizität. Ans Herz geht jedoch, wenn statt in die Vergangenheit in die Zukunft geblickt wird: Wie wird es im Altenheim, wenn ich dort Fotos meines Partners aufstelle? „Ein Coming Out dauert ein Leben lang“ – ein bisschen weniger Pathos hätte trotzdem gut getan.

        Und ist dieses plakative Randgruppen-Theater nicht eher eine Form, Randgruppen auszustellen und zu bestätigen? Die Frage stellt sich noch massiver bei der zweiten Uraufführung, da geht es um geistig Behinderte. Regisseur des Ensembles aus professionellen Schauspielern und Behinderten ist der Zürcher Theaterpädagoge Michael Elber, Gründer des Hora-Theaters, das geistig Behinderten sogar eine Schauspielausbildung ermöglicht. „Menschen! Formen!“ nennt sich „fragmentarisches Bühnenprojekt“ und zeigt Häppchen aus drei berühmten Filmen, die Ausgrenzung thematisieren: Truffauts „L’enfant sauvage“, Herzogs Kaspar Hauser-Film und Lynchs „The elephant man“. Man hinterfragt, provoziert, ironisiert das Thema mit vielen Aspekten. Ein zynischer Moderator spielt mit Tabus, Voyeurismus und Berührungsangst der Zuschauer. Körperliche Behinderung haben wir ja nun dank der Behindertenaufzüge ganz gut ins normale Leben integriert, nur mit geistig Behinderten haben wir keinen Kontakt – still und leise sind sie in Heimen weggesperrt. Haben sie es nicht gut da? Immerhin gratis Kost und Logis und kein Arbeitsstress! Er fordert uns zum „Behindertenraten“ auf – wer auf der Bühne ist „normal“, wer nicht? Wer hat welches Syndrom? Es schwankt zwischen Spaß und Ernst, Tabubruch und Klischeebestätigung. „Ich bin kein Tier“, heult der junge Mann mit Sprachbehinderung, ein Fernseher muss seine Worte untertiteln. „Normale“ Schauspieler spielen Menschen aus einer Freakshow und mimen ihre Sprachticks, Behinderte spielen dagegen völlig normale Menschen: gekonnt werden Vorurteile durcheinandergewürfelt. Immer wieder formieren sich die zwölf Darsteller zu einem Blasorchester, das haarsträubend schiefe Töne erzeugt, im Programmheft wird die Freude am Missklang gefordert. Ein gutes Bild für den ganzen Abend: er verlangt provokant, sich dem Disharmonischen, Ungewohnten zu nähern. Gelungen oder gar unterhaltend kann man das irgendwie nicht nennen – es ist aber zweifellos sehr intelligent gemacht.

        Henriette Westphal und Dorothea Marcus

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