Sind Muslime die neuen Juden? “Der Kaufmann von Venedig” an der studiobühneköln

Hier die Kritik aus akT.13 und ein neuer Kommentar von Gerd Buurmann zur akT-Inszenierung des Monats April 2010 von “Der Kaufmann von Venedig” nach Shakespeare, eine Koproduktion von Fringe Ensemble und studiobühneköln

Parallelgesellschaft

„Hi, ich bin der Shylock. Was geht?“, stellt sich der 16-jährige Nebil Erdogan mit Goldkettchen und Kapuzenshirt dem Publikum vor. Er ist nicht der einzige: insgesamt fünf Shylocks leben im Ghetto und sind keine Juden, sondern Moslems. Die Shylock-Gang lebt heute vielleicht in einer ähnlichen Parallelgesellschaft wie zu Shakespeares Zeiten die Juden in Venedig. Der Regisseur Severin von Hoensbroech hat mal wieder gewagt, was regelmäßig für Medienaufsehen sorgt: einen Abend zu inszenieren, in dem Shakespeares Kaufmann von Venedig mit jungen Migranten auf heutige Lebensverhältnisse bezogen wird. Eine wunderbare Methode, neue Zuschauerschichten ins Theater zu holen, sozialpädagogisch tätig zu sein – und wohlmeinend künstlerisch zu scheitern. Nicht so an diesem erfrischenden Abend, koproduziert von der studiobühneköln und dem Bonner Fringe Ensemle: die von Hoensbroech umgeschriebenen und teilweise aus Improvisationen entstandenen Texte sind den sechs Jugendlichen (Nebil Erdogan, Faruk Haziri, Miguel Inserra, Jilou Rasul und S-Dog) so wunderbar auf den Mund geschrieben worden, dass sie so natürlich und souverän agieren, als seien sie gewiefte Bühnenprofis. Sind sie ja auch, wenn auch nicht in der Schauspielkunst: aber die fünf sind so großartige Rapper, Hiphopper und Breakdancer, dass den Zuschauern bei mancher Einlage der Atem wegbleibt. Zum Beispiel, wenn sich Jilou Razoul, die Shylocks abtrünnige Tochter spielt, akrobatisch den Bühnenvorhang hochwindet. Oder S-Dog einen orientalischen Shylock-Rap singt: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“

Die Geschichte um den verfemten aber reichen Juden Shylock, der vom Kaufmann Antonio ein Stück Fleisch als Pfand verlangt und rachsüchtig und menschenverachtend darauf beharrt, erhellt das nicht besonders – und lässt einige brennende Aspekte des Stücks unter den Tisch fallen. Etwa die Überlegung, inwiefern Toleranz auch schädlich sein kann. Oder Antisemitismus in jedem von uns steckt – Shylock endet bekanntlich fertig gemacht im Nichts.

Verwirrend ist auch ein wenig, dass die Christen der hohen Gesellschaft, gespielt von echten Schauspielern in glänzenden Silberjacketts (Leopold Altenburg, David Fischer und Tina Seydel), die für die echten Shakespeare-Texte zuständig sind, laufend ihre Rollen tauschen – ist doch das Stück schon verwirrend genug. Trotzdem machen sie es bravourös und witzig und finden für jede Figur eine eigene Haltung. Zur Orientierung wird der jeweilige Akt mit Livekamera und ein paar Kreidestrichen auf dem Vorhang angezeigt. Und so entsteht hier auf dem roten Tanzboden ein rasanter Abend im glorreichen Venedig, die schlichten weißen Stühle verwandeln sich in Schiffe, Stege, Paläste. Er reduziert Shakespeares komplizierte Komödie auf das, worauf es wirklich ankommt – nämlich darauf, was es mit einem macht, wenn man in dieser Gesellschaft nichts zu melden hat.

Dorothea Marcus

1 Kommentar

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Eine Antwort zu Sind Muslime die neuen Juden? “Der Kaufmann von Venedig” an der studiobühneköln

  1. Meine Oma hat manchmal gesagt: “Das riecht nicht gut; das würd ich nicht essen.”

    Genau diese Gedanken kamen mir, als ich von der Entscheidung des fringe.ensembles hörte, in ihrer Inszenierung von William Shakespeares Komödie “Der Kaufmann von Venedig” Shylock vom Juden zum Muslimen zu machen.

    Natürlich geht es in dem Stück “Der Kaufmann von Venedig” auch um die Abgründe des Hasses und des Rassismus, ein Hass, der zu Reaktionen fördern kann, wie jene, dass der in die Enge getriebene Aussenseiter zum Wahnsinnigen wird, der sich der Gewalt voll und ganz verschreibt.

    Aber in aller erster Linie zeigt das Stück die Brutalität der Haltung auf, von seinem Gegner die Einhaltung einer Moral zu verlangen, die man selber nicht bereit und in der Lage ist zu leben.

    Shylock ist ein Jude, der von der selbstgerechten christlichen Meute Venedigs, die an ihn niemals christliche Milde halt walten lassen oder jemals walten lassen wird, auferlegt bekommt, die christlichen Werte zu leben. Als er dies verweigert, es wagt, so menschlich, so schwach zu sein, wie die Christen selbst, wird er vertrieben.

    Heutzutage ist es wieder so, dass von Juden und dem Staat Israel erwartet wird, es besser zu machen, als alle anderen. Und weil sie es nicht können, werden sie gejagt und unverhältnismäßig stark “kritisiert”.

    In Deutschland sind es heute erschreckend viele Muslime, die auf Strassen rufen “Vergast die Juden!”, die Anschläge auf Synagogen und jüdische Gemeindehäuser verüben und die einen offenen Antisemitismus zur Schau stellen.

    In dieser Welt nun, in der Muslime zu einem nicht geringen Teil Täter des Antisemitismus sind, die Komödie “Der Kaufmann von Venedig” zu nehmen und in ihm dann den Juden zum Moslem zu machen, ist wahrhaft dreist.

    Viel eher hätte das fringe.ensemble Gespür für die Zeit in der wir leben zeigen sollen, und aus den selbgerechten Christen Venedigs Muslime machen sollen. Dann wäre es Schuh aus der Inszenierung geworden.

    Alles Liebe,
    gerd buurmann

    http://tapferimnirgendwo.wordpress.com/2010/05/20/lieb-gemeint-shylock-vs-nathan/

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